Pumpentherapie beim diabetes m. Typ 1

unter Beachtung der Therapieansätze des Diabetesdorfs Althausen

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Essensinsulinierung - 2. Teil

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung durch Hr. Dr. Teupe und dem INSULINER-Verlag (INSULINER Nr. 90 Bl. 79 ff).

Im INSULINER 89 - Seite 63 bis 70 - ging es um die Grundlagen einer gewichtserhaltenden Ernährung, die Berechnung des Energie- und des Insulinbedarfs - auch bei unterschiedlicher Mahlzeitenzusammensetzung.  Im zweiten Teil geht es um die Insulinierung der Lebensmittel.

Zur Wiederholung

Aufgrund mehrtausendfacher Erfahrung verteilt sich der gesamte Insulinbedarf eines Typ 1-Diabetikers im nicht entgleisten Stoffwechselzustand bei „einigermaßen" gewichtserhaltender Kost je hälftig auf den basalen und auf den essensbedingten Insulinbedarf, unabhängig davon, ob der Typ 1-Diabetiker generell mehr kohlenhydrathaltige oder mehr fett-/eiweißhaltige Speisen bevorzugt.

Ein konstantes „Über-den-Bedarf-Essen" von nur ca. 60kcal pro Tag - z.B. weniger als ein Ei - führt zu einer gewaltigen Gewichtszunahme von jährlich 3 kg. 60kcal x 365 Tage = 21.900kcal. Da ein Kilogramm Fettgewebe 7000kcal speichert, ergeben diese Über-den-Bedarf-Kalorien 3 kg pro Jahr. Die 60kcal mehr pro Tag machen aber nur knapp 3% des eigentlichen Kalorienbedarfs von 2000 kcal aus und wirken sich deshalb auf die Verteilung Essens-/Basisbedarf nur geringfügig aus. Dagegen hat eine von Tag zu Tag unterschiedliche Kalorienaufnahme sehr viel mehr Einfluss.

Tatsächlich verteilt sich in unserem geringfügig übergewichtigen Pumpenkollektiv der Insulineinsatz zu 51,1% auf das Essen und zu 48,9% auf die Basalrate.

Wenn dann die Hälfte des gesamten Insulintagesbedarfs für das Essen nur auf die Kohlenhydrate umgerechnet wird, ergibt diese Rechenoperation bei kohlenhydratreicheren Ess-Stilen kleinere iE/BE-Faktoren als bei fett-/eiweißreicheren.

Am Beispiel unseres Studenten mit einem durchschnittlichen Kalorienbedarf pro 24 h von 2639 kcal und einem gesamten Insulintagesbedarf von nur 40 Einheiten Insulin / 24h beträgt der hälftige Essensanteil 20 Einheiten Insulin / 24h.

Je nach Ess-Stil ergeben sich bei gleicher Kalorien- und Insulinmenge andere Faktoren IE / BE. (Zahlenbeispiele siehe INSULINER 89, Erster Teil)

Offensichtlich hängt der Insulinbedarf pro BE nicht nur davon ab, wie viel BE man isst, sondern auch vom Fett- und Eiweißgehalt des Lebensmittels.

Während man zum Teil heute noch den gesonderten Insulinbedarf für Fett und Eiweiß ignoriert, ist dieser im Experiment längst nachgewiesen worden - spätestens in der Alltagsrealität, wenn Diabetiker abends noch ein übrig gebliebenes Steak (oder zwei) essen, und dann ihre deutlich überhöhten BZ-Nüchternwerte erklären wollen.
Die Schwierigkeiten in der Vermittlung dieser Kenntnisse haben verschiedene Ursachen:

 

Einerseits konnte man es sich schier nicht vorstellen, dass auch Fett und Eiweiß zur Blutglucose-Erhöhung führen könnten oder eventuell sogar zeitlich befristete Resistenzen erzeugen würden - dabei hatte man nur den eher geringeren Effekt einer verzögerten KH-Resorption im Auge.

In der Vor-ICT-Zeit wurden jedoch Diätpläne mit genauen Angaben zu den KH und zu Fett und Eiweiß gemacht -und wahrscheinlich dennoch nicht sonderlich befolgt.

 

Doch wie sollen dann solche BZ-Erhöhungen durch Verzögerung mit der KH-Resorption erklärt werden, wenn gar keine KH sondern nur Fett und/oder Eiweiß gegessen wurden? Da die Fett-Eiweißeinflüsse auf den Blutzucker vergleichsweise geringer, aber länger anhaltend sind als durch gegessene KH, können diese bis zu einem bestimmten Betrag auch noch von einer funktionierenden Basalrate (die ja auch Insulin ist) wegtransportiert werden. Insbesondere wenn man bedenkt, dass man für deren Zielwerte ja auch eine bestimmte Toleranz zulässt. Sind Diabetiker nicht allzu genau eingestellt, gehen diese Effekte ohnehin eher unter.

Es fällt auch in der Durchsicht der diesbezüglichen Literatur auf, dass vergleichende Essensexperimente zwar mit einem Zusatz von Fettkalorien durchgeführt wurden, diese aber vom mageren Ess-Stil ausgingen und der Fettzusatz meist unter 30g pro Mahlzeit blieb. Diese beiden Beschränkungen sind nicht realistisch für unsere Typ 1-Diabetiker.

Solche Experimente wurden wohl begrenzt, weil man keinen „gesundheitlichen Schaden" zufügen wollte. Dabei zeigen sogar jüngere Untersuchungen, dass bei gleicher Kalorienzahl und gleichem glykämischen Index der Gesamtinsulinbedarf bei fett-/eiweißreicherer Kost sogar etwas niedriger ausfällt und als Ess-Stil eher gesündere Auswirkungen auf das Gewicht, den Blutdruck und die Blutfette ausübt als eine kohlenhydrathaltigere Kost.

Bei dieser Sachlage ist man versucht, den eingeübten Begriff: IE/BE zu verlassen. Man müsste demnach für jeden Essensbestandteil den eigenen Insulinbedarf über die Zeit ermitteln und beide dann „irgendwie" addieren -ein reichlich umständliches Verfahren. Für dessen weitere, wenn auch eingeschränkte Verwendung spricht allerdings mehr als nur Tradition:

  1. Der KH-Einfluss auf den Blutzuckerverlauf ist schneller, stärker - aber kürzer als der Fett-/Eiweißeinfluss, wenn er sich auch innerhalb der KH-haltigen Lebensmittel zum Teil beträchtlich unterscheidet (Glykämischer Index).
  2. KH-haltige Lebensmittel sind oft besser einzuschätzen als fett-/eiweißhaltige (z.B. 1 Apfel, 1 Glas Milch, 1 Scheibe Brot gegenüber 1 Steak, Öl im Salat, Fettanteil im Fleisch).
  3. Auch Typ 1-Diabetiker ändern ihren Ess-Stil kaum. Sie gehen in die Bäckerei (KH-haltiger) oder in die Metzgerei (Fett-Eiweiß-haltiger) oder kaufen in beiden Läden ein. Wir beobachten auch gesplittete Ess-Stile: morgens süß, abends viel Wurst, Käse und andere fetteiweißreichere Lebensmittel.

 

Solange sich die einzelnen Mahlzeiten in bestimmbaren Toleranzen meistens im Ess-Stil ähneln, könnte man den historischen Begriff IE/BE erweitern: IE/BE, wenn sich der Fett-Eiweiß-Anteil in diesen Toleranzgrenzen bewegt. Zum Beispiel könnte man diese Toleranzgrenzen als maximale Blutzuckerabweichungen vom angestrebten Zielwert definieren.

Wenn der eigentliche Zielwert drei bis neun Stunden nach dem Essen 100mg% betragen soll, könnte man sich auch noch mit einer +/- Abweichung von z.B. +/- 30mg% zufrieden geben, also mit BZ-Werten zwischen 70 bis 130mg%.

Wenn diese Abweichung im Blutzuckerergebnis ausschließlich durch die eher schwierigere Einschätzung des Fett-Eiweiß-Anteils beansprucht würde, müsste zumindest die BE-Einschätzung - auch die des glykämischen Index - genau sein. Aber auch die oft schwierige Einschätzung des GI führt zu Ungenauigkeiten. Die Multiplikation einer ungenau eingeschätzten BE-Menge mit ungenauem GI mit dem IE/BE-Faktor führt zu noch größeren Fehlern.

Gerade bei Brötchen führen überlieferte BE-Angaben (1 Brötchen = 2 BE) deshalb zu sehr falschen Einschätzungen, weil die meisten Brötchen nicht mehr wie früher 40g wiegen, sondern meist über 50 bis 120g - ohne dass diese uns deshalb besonders groß vorkämen. Wir haben uns an die schleichende Gewichtszunahme der Brötchen gewöhnt. Auch wenn sich Brötchen im KH-Gehalt unterscheiden, werden sie meist gewichts- und BEmäßig stark unterschätzt. Ein 60g schweres Laugenbrötchen enthält durchschnittlich 41g KH, das sind fast 3,5 BE. Ein Vollkornbrötchen gleichen Gewichtes hat 26g KH und damit 2,2 BE. Eine Brötchen-BE variiert also zwischen 17,5 und 27 g.

Zumal der höher als durchschnittliche glykämische Index einen zusätzlichen höheren Insulinbedarf nach sich zieht, rechnet man am besten mit einem niedrigeren Gewicht pro BE. Wir verwenden deshalb für trockenere Brötchen 20g, für feuchtere 22g.

Reis macht nur dann keine Einschätzschwierigkeiten, wenn man das stark variierende Gewicht des gekochten Zustandes (= Auswaage - von 20g Risotto bis 120g Milchreis/BE) durch die BE-Zahl des Rohgewichts (= Einwaage) teilt.

Für Nudeln gibt es gleich zwei Schwierigkeiten:

Es gilt das Prinzip wie bei Reis (Einwaage - Auswaage). Davon unabhängig kann der Hersteller seiner eigenen Nudeln beim gleichen Produkt keinen einigermaßen konstanten glykämischen Index garantieren - noch schlimmer, dieser kann zwischen 0,3 und 0,9 schwanken.

Auch der BZ-Einfluss einiger Gemüse ist zu groß, als dass man ihn für eine +30mg%-Toleranz vernachlässigen könnte (z.B. Bohnen, Linsen, Rote Beete, Kohlrabi, Mais, gekochte Karotten,... gezuckerte Gemüsekonserven). Das ist besonders wichtig für Diabetiker, die sich vegetarisch ernähren.

Industriell hergestellte Lebensmittel und Fertiggerichte machen die Einschätzung leichter. Die KH-Mengen und Kalorien sind in den Analysen verlässlich aufgeführt. Die viel geschmähten Fastfood-Ketten verhalten sich diesbezüglich vorbildlich.

Allerdings muss man bei nur teilweisem Verzehr den gegessenen Anteil richtig einschätzen bzw. abwiegen. Es fällt auch auf, dass heutzutage sehr viele industriell erzeugte Lebensmittel kalorienärmer hergestellt werden.

Bei den vielen im Umlauf befindlichen Ernährungstabellen weiß man oft nicht, woher die Zahlen stammen und wie aktuell sie sind. Warnungen vor stärke- und zuckerhaltigen LM sind mit heutiger Insulinierungsstrategien nicht länger haltbar.

Trotz dieser Unsicherheiten braucht man eine bestmögliche Einschätzung des eigenen durchschnittlichen Ess-Stils. Das gelingt am besten, indem man eine ‘geläuterte' BE- und Kalorienberechnung vornimmt. Dabei kann man auch überprüfen, ob man typischerweise starke Variationen von Tag zu Tag hat und ob man einen ‘gesplitteten Ess-Stil' (s. 1. Teil) hat.

Lange Zeit wurde für Typ 1-Diabetiker ein magerer Ess-Stil empfohlen: 1 BE, die ziemlich genau 50kcal enthält, sollte mit weiteren 50kcal für F/E verbunden sein. Wenn bei einem durchschnittlichen GI von 0,6 und einer Kalorienverteilung zwischen KH und F/E von 1:1 im Essensbolusfaktor drei Teile Insulin für die KH und ein Teil Insulin für F/E enthalten sind, kann man verschiedene Rechnungen anstellen:

  1. Bei einem derartigen Ess-Stil ist der Insulinbedarf für die reine BE ¾ des ermittelten Essensbolus-Faktors.
  2. Bei hiervon abweichenden Ess-Stilen errechnet sich der Anteil für die reine BE nach folgenden Überlegungen:
    1. Gesamtkalorien pro BE - 100 = überschießender F/E-Anteil, der noch Extra-Insulin braucht.
    2. 200 kcal aus F/E entsprechen in ihrer Höhe einer maximalen BZ-Auswirkung von einer reinen BE.
    3. Damit rechnet sich der individuelle Insulinanteil für die reine BE und ergänzend für den Fett-/Eiweiß-Anteil am ermittelten Essenbolus-Faktor wie folgt:

i.     ermittelter Essensbolusfaktor (EF) in IE/BE = Anteil Insulin für KH mit 50 kcal für F/E + überschießendem F/E-Insulin-Anteil
ii.     der überschießende F/E-Insulin-Anteil = kcal/200 in BE ausgedrückt
iii.     der pure BE-Faktor = ¾ hiervon.

 

Beispiel 1:

 

Eine Mittagsmahlzeit hat 5 BE und einen Brennwert von insgesamt 875 kcal.

Der Bolus wurde mit 1,8IE Normalinsulin/BE ermittelt. Wie hoch ist der Insulinanteil für die reine BE?

 

-Eine BE enthält bei dieser Mahlzeit 175 kcal/BE (875 kcal geteilt durch 5 BE).
-Der über den mageren Ess-Stil hinausgehende F/E-Anteil beträgt 75 kcal/BE (von 175 noch 100 abziehen).

-Die 1,8 IE (als EF) sind das Insulin für eine magere BE. Dazu kommen 75/200 = 0,375 (pseudo-) BE für die überschießende magere BE.

Insgesamt sind also 1 plus 0,375 gleich 1,375 BE mit 1,8 IE zu insulinieren.

Wenn man 1,8 durch 1,375 teilt, erhält man 1,31 IE pro magere BE.

Der pure BE-Faktor ist 75% von 1,31, also 0,98 IE/BE.

 

 

Demnach sind in den ermittelten 1,8 IE/BE knapp eine IE für die reine BE und ca. 0,8 IE für Fett und Eiweiß enthalten. Dies sind pro 125 kcal 0,8 IE für pure F/E.

  1. 200 kcal reines Fett/Eiweiß werden mit so viel Insulin versehen, wie eine BE als reiner KH-Anteil am Essensbolus-Faktor entspricht. Dieses Insulin wird über acht Stunden verzögert abgegeben.
  2. So lange wie das Verhältnis von 1BE/150kcal bei schnellerem Analoginsulin und für 1BE/200kcal für Normalinsulin nicht erreicht ist, wächst der ermittelte Faktor für eine BE. Darüber hinaus werden dann je 200kcal mit dem Faktor für pure BE und über acht Stunden verteilt insuliniert. Dabei kann man als Toleranzspielraum von +30mg% die ersten 200kcal pro 70kg korrigiertes Gewicht unberücksichtigt lassen.

 

Beispiel 2:

 

Es wird ein zweites Steak zum Mittagssen gegessen mit weiteren 500kcal ohne zusätzliche BE.
Das sind insgesamt 1375kcal und 5BE.

 

  • Bis zu 200kcal pro BE, in diesem Beispiel also 1000kcal, sind mit Normalinsulin ohne verzögerten Bolus zu insulinieren.
  • Die restlichen 375kcal sind mit einem verzögerten Bolus über acht Stunden zu versehen. Wenn man diesen Überschuss von 375kcal durch 200kcal teilt, erhält man ca. 1,9. Das ist der verzögerte Bolus.

Den nicht zu verzögernden Insulinanteil berechnet man wie folgt:

 

  • Pro BE müssen noch 25kcal F/E in den unverzögerten Insulinanteil des Bolusfaktors gesteckt werden (Wie im Beispiel 1 gehen wir von 1,8IE Normalinsulin/BE aus. Davon sind 0,8IE für jeweils 125 kcal F/E.)
  • Teilt man die 0,8IE durch 5, um den Bedarf für 25kcal zu berechnen, so erhält man 0,16, die zum Faktor von 1,8 addieren sind. Man erhält 1,96 IE/BE.

Letztlich sieht die gesamte Insulinierung so aus: 5mal 1,96IE sofort und 1,9IE über acht Stunden.

 

Die Aufstockung des Essensbolusfaktors bis zu einer Größenordnung von 1 BE / 200 kcal versteht man noch besser, wenn man daran denkt, dass bei einem von vorneherein fett-/eiweißhaltigeren Ess-Stil der Faktor IE/BE automatisch mit sinkender BE-Zahl pro Gesamtkalorienanzahl bzw. mit steigender Kalorienmenge pro BE-Zahl ansteigt.

 

Bei der Essensinsulinierung haben wir sechs Möglichkeiten:

A Wir belassen es bei der "üblichen" Berechnung nach IE/BE und gleichen die anfallenden Fehler mit Schema C und Hypo-BEs aus. Wenn Unterzuckerungen zu erwarten sind, messen wir häufiger, auch nachts.

 

B Rein rechnerische Herleitung jedes einzelnen Essensbolus aus jeder seiner Bestandteile mittels eines Rechenprogrammes.

Dabei müssen sämtliche erforderlichen Angaben in den Essensbolusrechner

eingegeben werden können.

Vereinfachungen:

C Wir formulieren einen Essensstandard, der meistmöglich innerhalb eines BZ-Zielbereichs von z.B. +30mg% ankommt. Diese Konstruktion ist möglich, weil die meisten Menschen einen

bestimmten Ess-Stil zumindest sehr lange beibehalten. Abgegrenzt von einer getesteten Basalrate, die den BZ-Basiswert ohne Resistenzerscheinungen auf 90 + 20mg% festhält, werden beim durchschnittlichen Ess-Stil Bolusfaktoren für den Ruhezustand (ab Bolusgabgabe für drei Stunden Ruhezustand im Sitzen einhalten) ermittelt.

Dieser Standard wird verwendet, solange seine Toleranzgrenzen nicht überschritten werden.

 

Der Standard beinhaltet folgende Angaben:

 

 

  1. X IE/BE (+ die übliche Fett-Eiweißmenge des eigenen Ess-Stils)

  2. Fett- / Eiweißtoleranz (meist +200 kcal) für 70 kg Mensch.
    Diese Toleranz erübrigt sich bei der Möglichkeit einer genauen Berechnung.

  3. Durchschnittlicher glykämischer Index in zwei Kategorien
    3a. Der "Alles Esser" (= 0,75 +/- 0,1)
    3b. Vegetarischer Ess-Stil bzw. sehr magerer Ess-Stil: 1 BE mit weniger als 100 kcal verbunden (= 0,55 +/- 0,1)

  4. Insulinart(en) (schnelles Analoginsulin, Normalinsulin, Protaminverzögertes Insulin)

5.      Insulin-Abgabeverlauf  DrückEssAbstand
- mind die Hälfte des optimalen DEA
- kombinierte Zusammensetzung (nie oder welcher Anteil?)
- Abgabedauer (nie verzögert, immer verzögert, um wieviele Stunden?)

6.      Ess-Dauer



D Außerhalb der Toleranzgrenzen verwendet man folgende acht Regelwerke:
D1: Kohlenhydrate pur
D2: Starke Abweichung vom mittleren GI
D3: Fett und Eiweiß pur
D4: Exzesskaloriengerichte
D5: Änderung des Zeitablaufs
D6: Änderung der Zusammensetzung
D7: Alkohol
D8: Besondere Mahlzeiten + Umstände

E Wir optimieren für bestimmte Ausnahmegerichte (z.B. Pizza) nach vernünftiger Einschätzung und Kontrolle durch Essensexperimente einen empirischen Insulinbedarf und speichern diesen für spätere Wiederholungen ab.

F Wir benutzen vorab formulierte "Patterns", typische Insulinierungsmuster für Obst, Fleischgerichte u.a., die nur noch mit Multiplikationsfaktoren versehen werden müssen. Diese setzen entsprechende Soft-und Hardware-Eigenschaften bei Pumpen und/oder Steuergeräten voraus.

Zu D1: Kohlenhydrate pur

Wir verwenden den puren-BE-Faktor, wobei eventuell die starke Abweichung vom mittleren GI zusätzlich berücksichtigt werden muss. Der pure BE-Faktor liegt meist 25 bis 50% unter dem EF.

Beispiele sind:
Obst, Obstsalat, Obstsäfte, reines Gemüse, Limonaden, BE-haltige Alkoholika (siehe D7), Hypo-BEs, Abstütz-BEs beim Schema B.

Deshalb lautet die Empfehlung bei diesen Beispielen:
Reduzierung des BE-Faktors um mindestens ein Viertel; treten dann immer noch Hypos auf bis zu 50%.

 

Zu D2: Starke Abweichung vom mittleren GI

Dieses Regelwerk kommt erst bei einer Abweichung von GI > 0,85 und < 0,45, aber mindestens 3 BE zur Anwendung. Diese Lebensmittel werden in der Datenbank mit + (> 0,85) und - (< 0,45) markiert.

Ohne Kenntnis des mittleren GI nehmen wir diesen bei 0,75 +/- 0,1 an.

Beispiele für + :
Instant-Kartoffelbrei, Cornflakes, reine Mehlteige wie Pizza, Pfannkuchen, Döner, Laugenbrötchen
Empfehlung: mindestens 25% mehr Insulin; bei erhöhtem BZ bis zu 50%.

Beipiele für -:
Nudel-Linsen-Gerichte, Gemüseaufläufe
Empfehlung: mindestens 25% weniger Insulin; bei Hypoglykämien bis zu 50%.

 

Zu D3: Fett und Eiweiß pur

Dabei werden geringfügige KH-Mengen ignoriert, wenn diese weniger als 2,5% der gesamten Kalorienmenge und eine absolute KH-Menge von weniger als 3g ausmachen (max. Anteile in der Wurst pro 100g).

Wir verwenden ohne DEA den puren F/E-Faktor für je 200kcal über acht Stunden verzögert  < unabhängig von Normal- oder schnellerem Analoginsulin > oder alternativ bis 10IE auch als protaminverzögertes Insulin (PTA) per Pen/Spritze. Größere PTA-Insulinmengen müssen lokal gesplittet werden: bis 20IE an zwei Stellen, bis 30IE an drei Stellen.

Beispiele:
Nüsse (enthalten meist etwas KH), (Hart-)Käse, Wurst, Würstchen,Fleisch, Fisch, Shrimps, Eier, Öl im Salat usw., jeweils ohne KH-haltige Beilagen, also als "Nascherei pur".

 

Zu D4: Exzesskalorien

Exzesskalorien liegen vor, wenn mehr Kalorien an F/E als üblich verzehrt werden.

Dann wird zunächst der Faktor IE/BE auf seinen maximalen Wert (1:200 bzw. 1:150) aufgefüllt, und die darüber hinausgehende F/E-Kalorienzahl wird mit dem puren F/E-Faktor für je 200 kcal über acht Stunden verzögert insuliniert, unabhängig von Normal- oder schnellerem Analoginsulin. Alternativ kann man diesen verzögerten Bolus auch bis 10IE als protaminverzögertes Insulin per Pen/Spritze geben. Größere PTA-Insulinmengen müssen lokal gesplittet werden: bis 20IE an zwei Stellen, bis 30IE an drei Stellen. Dabei sind aber mögliche weitere Einflüsse von Alkohol zu berücksichtigen.

 

Zu D5: Änderungen im Zeitablauf

langsameres Essen als üblich:

Dabei verkleinern sich die DEAe; verlängert sich die übliche Esszeit um mehr als den DEA, fällt dieser ganz weg. Verlängert sich die übliche Esszeit um Teile des DEA, wird um diese Teile verkürzt.

Beispiel:
gemütlicheres Frühstücken an Wochenend-, Feier- und Urlaubstagen gegenüber dem schnelleren Frühstücken an Arbeits-/Schultagen, Trödeln beim Essen durch Ablenkungen

 

Mehr-Gänge-Menü:

KH-haltige Gänge jeweils vor dem Gang insulinieren, nur beim ersten größeren Gang den DEA einhalten. Bei sehr fett-/ eiweißhaltigen Speisen ist wie beim Büfett am Ende eine ‘Abschlussinsulinierung' für die Hälfte der vermuteten Exzesskalorien sinnvoll, für je 200kcal über acht Stunden verzögert, unabhängig von Normal- oder Analoginsulin oder alternativ bis 10IE als protaminverzögertes Insulin.

Größere PTA-Insulinmengen müssen lokal gesplittet werden: bis 20IE an zwei Stellen, bis 30IE an drei Stellen. Dabei sind mögliche Alkohol-Einflüsse zu berücksichtigen.


Büfett und Naschen:

Für je kleine "Zugriffe" zum Essen sind absolut nur kleine BE-Fehler möglich.
Keinen DEA, die Insulinierung des nachfolgenden Lebensmittels trifft auf die höheren Insulinspiegel des vorhergehenden.

Am Ende eine ‘Abschlussinsulinierung' für die Hälfte der vermuteten Exzesskalorien: für je 200kcal über acht Stunden verzögert, ... (siehe Mehr-Gänge-Menü).

 

Fondue: siehe D3, D4, D5

 

Grillen: siehe D4, D5

 

Brunch: siehe D5 - Büfett

 

Zu D6: Änderung der Zusammensetzung

Reduktionsdiäten

Da Reduktionsdiäten oft nicht lange durchgehalten werden, treten auch nur vorübergehende Effekte auf, die später wieder rückgängig gemacht werden müssen.

 

FDH :

erzeugt nach zwei bis drei Tagen eine up-Regulation, die zum Ungleichgewicht zwischen Basalrate und Gesamtbolus führt.

 

low fat - low carb:

Der Ess-Stil ändert sich und es beginnt nach zwei bis drei Tagen eine up-Regulation, die zum Ungleichgewicht zwischen BR und Gesamtbolus führt

 

Trennkost:

Es entsteht ein gesplitteter Ess-Stil. Nach zwei bis drei Tagen beginnt eine up-Regulation, die zum Ungleichgewicht zwischen BR und Gesamtbolus führt.

 

EW-Reduktion bei Nephropathie

(bei 0,8g EW/kg Normalgewicht, vorzugsweise tierisch):

Kalorienersatz durch höheren Fettkonsum ohne Konsequenzen

Kalorienersatz durch höheren KH-Konsum = Ess-Stiländerung

 

Glutenfreie Ernährung:

mögliche Änderung des Ess-Stils; der GI liegt meist bei 0,8 und damit häufig höher als früher (siehe D2). Wegen weiterer Lebensmittel-Zusätze kann dieser Effekt aufgehoben sein, sodass Produkt-Informationen angefordert werden müssen.

 

Zu D7: Alkohol

Die ersten sechs Stunden stehen unter dem Einfluss möglicher KH in den alkoholischen Getränken.

Die Bier-KH haben als Malzzucker und Mehrfach-Glucose-Zucker einen besonders hohen GI. Die genaue Zusammensetzung der Sorten ist wichtig. Auf den Etiketten sind Mehrfachzucker beim Stärkeabbau nicht als Zucker, sondern als sonstige KH aufgeführt, wirken aber wie Glucose. Bei Wein sind die KH meist weniger und komplexer.

Diese KH sollte man gleich am Anfang mit DEA insulinieren. Schema C-Korrekturen nach der dritten Stunde sollten wegen der ab der siebten Stunde einsetzen den Unterzuckerungsneigung nur noch mit höher gesetztem Zielwert (180mg%) erfolgen.

Ab der siebten Stunde nach Alkoholkonsum ist die Leberzuckerfreisetzung für etwa zehn Stunden herabgesetzt. Dieser Effekt tritt bereits bei 0,45 Promille auf.
Bei normalgewichtigen oder schlanken Frauen ist dies bereits nach 0,1l Wein der Fall. Bei normalen BZ-Werten zu Beginn dieser Phase hilft nur BE-Zufuhr und dreistündlich BZ-messen.

Nichtinsulinierte BEs der Alkoholika und anfänglich gegessene schnelle BEs machen für viele Stunden überhöhte BZ-Werte, die über die Basalrate (teilweise) verschwinden und so der späteren Unterzuckerungsneigung nicht mehr entgegenwirken können. Trendweise wirkt ein höherer Konsum von Fett und Eiweiß, deren Kalorien nicht vollständig insuliniert wurden, gegen die Unterzuckerung.

Menschen, die zu schweren Unterzuckerungen neigen, raten wir vom Alkoholgenuss auch in kleinen Mengen ab.

 

Zu D8: Besondere Mahlzeiten

Pizza-Arten

Pizza aus der Tiefkühltruhe:

Die Zusammensetzung ist auf der Verpackung angegeben, eventuell sind die unüblich höhere BE-Zahl und der höhere GI (siehe D2) zu berücksichtigen.


Tiefkühl-Pizza mit zusätzlichem Belag:

Mit diesem Belag erhöht sich meist nur der Kaloriengehalt (Exzess-Kalorien).

 

Pizza selbst gemacht:

alle Zutaten sind bekannt, berücksichtigt werden muss nur der höhere GI.

 

Pizza aus der Pizzeria:

Höhere BE-Zahl als üblich, immer höherer GI, meist Exzesskalorien, besondersdurch geschmolzenen Käse und Öl.

Wir empfehlen folgenden Optimierungsprozess:

 

Nach der Teigmenge fragen.

Bei einer Pizza mit 250g Teig gehen wir von 170g Mehl aus (24g Teig = 1BE). Für diese 250g-Teig-Pizza nehmen wir anfangs die halbe Insulin-Tagesdosis aus BR und Bolus im nicht entgleisten Zustand, von der wir die Hälfte (= ¼) sofort, das andere Viertel über acht Stunden verzögert abgeben.

DEA möglichst länger als üblich, der aber etwa eine halbe bis eine dreiviertel Stunde vor dem Essen mit nicht-insulinierten, schnellen ein bis zwei Geträn-ke-BEs geschützt werden sollte.

Der hohe Insulinbedarf ist durch den bei hoher Temperatur geschmolzenen Käse - hoher Fettanteil! - optisch nicht einschätzbar.

Nach mehreren Versuchen mit der jeweils gleichen Pizza der gleichen Pizzeria muss die Insulinierung angepasst, meist erhöht werden.

 

Gaststätten-Essen

ohne DEA, erst F/E-Anteile essen, nach DEA die KH.

 

Gerichte mit hoher BE-Zahl

insbesondere bei GI >0,8 ( mindestens das Doppelte der üblichen BE-Zahl, mindestens 5 BE), längeren DEA anstreben 30 bis 45 Min., vor Bolusgabe aber eine bis zwei schnelle BE trinken. Ab 10 BE und GI >0,8: 1/3 des üblichen DEA +60 Min., vorher eine bis zwei schnelle BE, abhängig vom Bolus

Besonders im Ausland sind bestimmte Speisen nicht einschätzbar. Da helfen nur häufige BZ-Kontrolle mit entsprechenden Konsequenzen.

 

Lokales Aufsplitten des (Essens-)Bolus

Immer wenn die Resorptionszeit eines Insulinbolus zum Essen sechs Stunden für reine Fett-/Eiweiß-Essen neun Stunden -und ein Bolus zur BZ-Korrektur drei Stunden überschreitet, erhöht dies wegen der Insulinüberhänge das Unterzuckerungsrisiko.

Da dreifache Insulinmengen etwa zur Verdoppelung der Resorptionszeit führen, bedeutet ein Drittel der Dosis die Halbierung der Resorptionszeit. Injiziert man z.B. die gleiche Menge Insulin aufgeteilt in drei weit voneinander entfernte Unterhautfettgewebsareale, dann halbiert sich die gesamte Resorptionszeit gegenüber der Injektion an einer Stelle mit jeweils höheren Insulinspiegeln.

Will man die Resorptionszeit auf sechs, neun oder drei Stunden begrenzen, darf man auf eine Unterhautfettgewebsstelle nur die Insulinmenge geben, die diese Resorptionszeit hat (Grenzdosis). Diese Grenzdosis ist abhängig von der Insulinsorte.

Gesamtbolus geteilt durch Grenzdosis = Anzahl der Injektionen. Hat eine Injektion weniger als 2IE, wird sie auf die vorhergehenden Injektionen gleichmäßig verteilt.


Dr. med. Bernhard Teupe
Diabetes-Dorf Althausen
Im Brunnental 10 - 18,
Bad Mergentheim

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