Nachdruck mit freundlicher Genehmigung durch Hr. Dr. Teupe und dem INSULINER-Verlag (INSULINER Nr. 89 Bl. 63 ff).
Essensinsulinierung - 1. Teil
Ein saftiges Steak mit Pommes, Fisch mit gedünstetem Gemüse, ein Rohkost-Teller mit Vollkornbrot, gezuckerter Milchreis mit heißen Kirschen ... -
Wir alle haben eine zumindest grobe Vorstellung von dem, was wir am liebsten auf unserem Teller sehen. Trotzdem nehmen wir nicht immer das zu uns, was uns am meisten Lust bereitet. Denn unser Essverhalten ist von sehr vielen verschiedenen Aspekten und Motiven geprägt. Und das manchmal mit verwirrenden Resultaten - kein Wunder, denn wir werden beeinflusst und informiert von unterschiedlichen Institutionen mit unterschiedlichen Empfehlungen: Lebensmittelerzeugern und - verkäufern, Religionen, Ernährungswissen-schaftlern, Therapeuten, Konsumenten ... . Entsprechend viele Empfehlungen widersprechen sich. Dabei stehen sich auch wissenschaftliche Aussagen unversöhnlich gegenüber.
Jeder von uns muss sich aber zu bestimmten Haltungen durchringen - und der Diabetiker will diese dann erfolgreich insulinieren.
Die Diabetologie sollte sich nach meiner Ansicht folgenden Zielen verpflichten:
Ganz im Vordergrund sollten funktionierende konkrete Insulinierungsregeln stehen für das, was tatsächlich gegessen wird, unter gleichzeitiger Vermeidung von Essverhaltensstörungen (heimliches Na-schen bis zur Anorexia nervosa). Diese Regeln müssen auf rationalen, vorausberechenbaren und überprüfbaren Grundlagen beruhen. Erst dann kommt die kritische Auseinandersetzung mit gesundem Essen bzw. Ess-Ideologien durch die Vermittlung von wissenschaftlich gesichertem Wissen der Appetit-Essverhalten-Energiebilanz-Steuerung, der Genetik und des Gewichtes.
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Rationale Grundlagen der Insulindosierungsregeln 1. Gesamtinsulinmenge für gewichtserhaltende Kost 2. Ess-Stil-Ermittlung (Zusammensetzung aus KH, F, E, Alkohol; Essens-Zeitabläufe) 3. Insulinierungsverlaufsmuster im Blut (patterns): GI und andere Aspekte 4. Standard - Regelwerke |
Die Erfahrung bestätigt theoretische Überlegungen, dass eine metabolisch resistenzfreie BZ-Stoffwechsellage mit normalen BZ-Werten bei einer gewichtserhaltenden Kost ziemlich genau die Hälfte des Insulins in die Basalrate, die andere für die Essensinsulinierung benötigt. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, in welchem Kalorienverhältnis bei gleicher Gesamtkalorienzahl Kohlenhydrate (KH) zu Fett (F)- und Eiweiß (E)-Anteilen stehen.
Außerhalb von +/-5% dieser 50:50-Insulin-Verteilung (Basalratensumme:Essens-insulinsumme) werden Therapien instabiler. Außerhalb von +/-10% verfehlen sie mit Unterzuckerungen und/oder Resistenzen dauerhaft sinnvolle Therapieziele. Dabei braucht eine KH-reichere Ernährung insgesamt mehr Insulin als für eine F-/E-reichere Kost nötig wäre. Über up- und down-Regulationsvorgänge bleiben zwar die Relationen erhalten, es ändern sich aber die absoluten Mengen.
Der Alkohol (Al) spielt dabei eine besondere Rolle, weil die Kalorien für den reinen Alkoholanteil bei alkoholhaltigen Getränken kein Insulin brauchen.
Selbst massives Übergewicht ändert an dieser Relation nur wenig: 1kg Fettgewebe speichert 7000 kcal. Demnach muss man zum Aufbau von 1kg Fettgewebe mindestens 7000 kcal mehr essen als zum Gewichtserhalt notwendig wäre. Wer jedes Jahr 3kg zunimmt (das wären in zehn Jahren 30kg!), der müsste demnach mindestens im Jahr 3 x 7000 kcal über seinen Bedarf gegessen haben. Pro Tag sind das nur rund 57,5 kcal - so viel wie ein Ei - nämlich 21000 kcal geteilt durch 365 Tage. Bei einem Kalorienbedarf von z.B. 1800 kcal wären das durchschnittlich gerade mal 3% mehr gegessen als für den Gewichtserhalt erforderlich.
Deshalb kann man diesen geringen Einfluss auf die Verteilung des Insulins zwischen Basalrate und Gesamt-Essensbolus selbst bei starker Übergewichtsentwick-lung kaum bemerken und vernachlässigen. Der Einfluss einzelner Tage, an denen die Energieaufnahme um hunderte Kalorien schwankt gegenüber dem Durchschnittswert, ist jedoch so groß, dass man nur Durchschnittszahlen über einige Tage außerhalb von Gewichtsreduktionsphasen mitteln kann.
So kann man aus den tatsächlich verabreichten Insulinmengen der letzten Tage die Insulinmengen herrechnen, die tatsächlich auf die Essensinsulinierung entfielen. Voraussetzung hierfür ist dann eine einigermaßen gewichtserhaltende Kost bei üblichem Bewegungsverhalten und mit besten Blutzuckerverläufen. Diese etwas ungenau feststellbaren Voraussetzungen lassen sich praktisch konkretisieren:
Wir wählen aus den letzten 14 Tagen diejenigen fünf Tage aus, die die besten Blutzuckerverläufe zeigen und bevorzugen dabei diejenigen Tage, die dichter am gegenwärtigen Zeitpunkt liegen. Dies kann durch Gewichtungsfaktoren geschehen. Dabei werden keine Tage berück-sichtigt, an denen Resistenzkorrekturen vorgenommen wurden (es sei denn, dies geschah überwiegend), an denen untypisch mehr oder weniger Bewegung stattfand oder untypisch mehr oder weniger gegessen wurde (+/-20%).
Gewichtsreduktionsphasen scheiden dann genauso aus wie wesentliche Unterschiede in den Aktivitätsgraden.
Mit zwei Verfahren kann man die aufgenommene Energie errechnen:
Entweder man wiegt und misst über viele Tage alle aufgenommenen Speisen und Getränke ab und analysiert über Tabellen alle interessierenden Größen (wie Gesamtkalorienzahl, Gewichts- bzw. Kalorienanteile an KH, F, E, Al). Die andere Möglichkeit: Man schätzt den Kalorienbedarf der Person möglichst genau ein. Man kann zur Kontrolle auch beide Verfahren durchführen. Zur besseren Einschätzung unterscheiden wir:
Gesamter Energiebedarf = Grundumsatz + Leistungsumsatz
Als Grundumsatz bezeichnet man die Energiemenge, die der Körper im Nüchternzustand pro Tag bei völliger Ruhe und einer Umgebungstemperatur von 28°C braucht, um normal zu funktionieren. Sie wird als Energie (= Arbeit) pro Zeit, also Leistungseinheit erfasst. Meist liest man die althergebrachte Beschreibung in Kilokalorien pro 24 Stunden (kcal/24 h), während die systematischere Beschreibung als Joule pro Sekunde (J/s) oder Watt (W) lautet. (* 1 kcal = 4,186 kJ; 1 kJ = 0,239 kcal)
70 bis 80% der Energie werden als Wärme abgegeben. Die Heizleistung eines Menschen entspricht etwa der Leistung einer 60 W-Glühbirne oder der einer Kerze. Pro Tag verschwitzt man ein bis zwei Liter Wasser, entsprechend einer Kühlleistung von etwa 30 W. Der Verbrauch steigt mit erhöhter körperlicher Aktivität an. Man bezeichnet ihn als den Leistungsumsatz.
Der Grundumsatz hängt wesentlich ab von Geschlecht, Alter, Gewicht, Körpergröße, Muskelmasse, Wärmedämmung durch Kleidung, Anpassungsvorgänge des Körpers, genetische Einflüsse und Ge-sundheitszustand (z.B. Fieber).
Berechnung - vereinfacht:
| Grundumsatz = 25 | x Körpergewicht |
| [kcal/ 24 h] |
[kg] |
Mit einer Geschlechtsdifferenzierung wird es schon etwas genauer:
Frau: kg x 24 (Stunden des Tages) x 0,9
Mann: kg x 24 (Stunden des Tages) x 1,0
Eine noch bessere Einschätzung gelingt mit der im Jahr 1918 veröffentlichten und bis heute verwendeten "Harris-Benedict-Formel". Sie berücksichtigt die meist größere Muskelmasse der Männer genauer.
Männer:
Grundumsatz [kcal/24 h] = 66,47 + (13,7 x Körpergewicht [kg]) + (5 x Körpergröße [cm]) - (6,8 x Alter [Jahre])
Frauen:
Grundumsatz [kcal/24 h] = 655,1 + (9,6 x Körpergewicht [kg]) + (1,8 x Körpergröße [cm]) - (4,7 x Alter [Jahre])
Da mehr Körperfett den Grundumsatz des Körpers nicht erhöht, sinkt rein rechnerisch bei Übergewichtigen der Grundumsatz bezogen auf das gesamte Körpergewicht relativ ab. Dies kann mit der Verwendung eines angepassten Körpergewichtes noch weiter verbessert werden:
Angepasstes Körpergewicht [kg] = Idealgewicht [kg]+((Körpergewicht [kg] - Idealgewicht [kg]) x 0,25),
Bei dieser Formel wird das Idealgewicht nach Broca berechnet:
Idealgewicht =Körpergröße in Zentimetern - 100 - [10% (Männer) bzw. 15 % (Frauen)].
Bis zum Alter von einschließlich 16 Jahren gelten jedoch etwas andere Zahlen. Diese haben wir der Tabelle aus Documenta Geigy, 7. Auflage, S.536, entnommen und in folgender Formel gemittelt:
Mädchen:
(BMR/h) x Körperoberfläche in m2 = -1,1488 x Alter + 55,468
Jungen:
(BMR/h) x Körperoberfläche in m2 = - 0,9296 x Alter + 56,064
Die Körperoberfläche O haben wir dem Documenta Geigy (s.o., S. 534, Dubois et Dubois) entnommen:
log O (cm2) = log G x 0,425 (kg) + log H x 0,725 (cm) + 1,8564
BMR bedeutet "Basal metabolic rate". Sie benennt den Gesamtenergieverbrauch pro m2, den der Körper im Ruhezustand bei einer Temperatur von 28 Grad benötigt, und wird mit einer Einheit von kcal pro 24 Stunden angegeben. In unserer Rechnung beziehen wir die BMR auf eine Stunde.
Demnach ist der Grundumsatz = BMR/h x Körperoberfläche in m2 x 24 h
Gesamter Energiebedarf
Der tatsächliche Energiegesamtbedarf (Summe aus dem Grund- und Leistungsumsatz) lässt sich abschätzen, indem man den errechneten Grundumsatz mit einem Aktivitätsfaktor multipliziert. Dieser be-trägt zwischen 1,2 im Liegen oder Sitzen und geht bei starker körperlicher Arbeit auch über 6 hinaus. Büroarbeit hat einen Aktivitätsfaktor von 1,3 bis 1,6.
In der Medizin wird der Grundumsatz zur Ermittlung des tatsächlichen Energiebedarfs außer mit dem Aktivitätsfaktor (der bei bettlägerigen Patienten 1,2 und bei mobilisierten Patienten 1,3 beträgt) noch mit einem Traumafaktor multipliziert. Dieser wird durch die Schwere der Krankheit bestimmt und liegt zwischen 1,0 und 1,6.
PAL-Faktoren
Da Menschen sich motorisch stark unterscheiden können, unterscheidet man sie nach ihrem Aktivitätsgrad nach fünf Physical Activity Levels (PAL-Faktoren):
PAL-Faktoren bei verschiedenen Tätigkeiten
| 1,2 | nur sitzend oder liegend alte, gebrechliche Menschen |
| 1,4-1,5 |
fast ausschließlich sitzend, wenig Freizeitaktivitäten / Schreibtischtätigkeit |
| 1,6-1,7 |
überwiegend sitzend, mit zusätzlichen stehenden/gehenden Tätigkeiten - Kraftfahrer, Studenten, Laboranten |
| 1,8-1,9 |
überwiegend stehende/gehende Tätigkeit - Verkäufer/innen, Kellner, Handwerker, Hausfrauen |
| 2,0-2,4 |
körperlich anstrengende, berufliche Tätigkeit - Bergleute, Landwirte, Waldarbeiter, Hochleistungssportler |
| bis 6,0 | für extreme Sportarten - Gewichtheben in starken Trainingsphasen |
Mit Hilfe der PAL-Faktoren kann man nun den täglichen Gesamtenergiebedarf besser einschätzen.
Beispiel:
25-jähriger Student, 184 cm, 79 kg
Tatsächlicher Energiebedarf = Grundumsatz + Leistungsumsatz
Grundumsatz, errechnet nach der "Harris-Benedict-Formel": 1898,77 kcal Leistungsumsatz, errechnet nach den PAL-Faktoren:
10 Stunden studentische Tätigkeit:
10 x 1,7 = 17,00
7 Stunden Freizeitaktivität:
7 x 1,4 = 9,80
7 Stunden Schlaf:
7 x 0,95 = 6,65
Summe für 24 Stunden: 33,45
Durchschnittlicher täglicher PAL:
33,45 : 24 = 1,39
Durchschnittlicher täglicher Gesamtenergiebedarf:
1,39 x Grundumsatz =
1,39 x 1898,77 kcal = 2639,29 kcal
(entspricht 11 048 kJ)
Wenn man von diesem errechneten oder durch Essensanalyse ermittelten durchschnittlichen Kalorienbedarf / Tag den zu ermittelnden durchschnittlichen Kalorienbetrag der reinen Alkoholkalorien alkoholischer Getränke subtrahiert, kennt man die insulinpflichtigen Kalorien, auf die sich die Hälfte des gesamten durchschnittlichen Insulinbedarfs verteilen. Wenn man jetzt noch die durchschnittliche (richtig er-mittelte) BE-Zahl kennt, die ein Typ 1-Diabetiker pro Tag isst, kann man den durchschnittlichen Insulinbedarf pro BE (mit den zugehörigen Kalorien für Fett und Eiweiß) errechnen.
Mit dem Beispiel des 25-jährigen Studenten sind die einzelnen Kalorienträger noch nicht geklärt. Kann er die BEs realistisch einschätzen, sind bei gleicher Gesamtenergieaufnahme sehr verschiedene Ess-Stile möglich.
Ess-Stile
| A: | streng vegetarischer Ess-Stil |
| B: | meist als idealer Ess-Stil von den Ernährungsgesellschaftenempfohlen |
| C: | eher durchschnittlicher Ess-Stil der Deutschen |
| D: | fett-eiweißreicher Ess-Stil |
| E: | überwiegend Wurst-, Fleisch-und Käse-Esser |
Tabelle
| Beispiel |
A | B | C | D | E |
| Erstes Frühstück (BE) | 7 |
5 |
4 |
4 |
2 |
| Erste Zwischenmahlzeit (BE) | 3 | 2 | 2 | 0 | 0 |
| Mittagessen (BE) |
8 | 5 | 4 | 4 | 3 |
| Zweite Zwischenmahlzeit (BE | 3 | 3 | 2 | 0 | 0 |
| Abendbrot (BE) |
7 | 6 | 4 | 5 | 3 |
| Dritte Zwischenmahlzeit (BE/Spät) | 3 | 2 | 1 | 0 | 0 |
| Zwischendurch (BE) |
3 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| BE-Summe (BE) |
34 | 26 | 17 | 13 | 8 |
| Kaloriengehalt (Kcal) |
2639 | 2639 | 2639 | 2639 | 2639 |
| Kalorien | |||||
| je gegessener BE (Kcal) 77 |
6 | 101,5 | 155 | 203 | 330 |
Nehmen wir am Beispiel des obigen Studenten einen Gesamtinsulinbedarf von 52 E Insulin / 24 h an; die eine Hälfte für die Insulinierung der Basalrate, die andere Hälfte für die durchschnittliche Essensinsulinierung. Wenn man bei der bisherigen Begriffsbildung E Insulin pro BE bleiben will, dann lauten die durchschnittlichen Bolusfaktoren E/BE für die Ess-Stile: A=0,76; B=1,0; C=1,53; D=2.0; E=3,25. Die Gesamtinsulinmenge ist jeweils 26 Einheiten.
Bei einem Ess-Stil, bei dem die Hälfte der Kalorien aus KH stammt und die andere Hälfte aus Fett und Eiweiß, entfallen bei einem durchschnittlichen Glykämischen Index (GI) von 0,8 ca. 4/5 der Insulinmenge auf die Kohlenhydrate und ca. 1/5 auf Fett und Eiweiß. Bei einem GI von durchschnittlich 0,6 liegt der Anteil bei ca. 3/4 KH und 1/4 Fett und Eiweiß.
So benötigt also 1 BE (= ca. 50Kcal) mit einem GI von 0,6 ähnlich viel Insulin wie 200 kcal an Fett und Eiweiß. Dabei unterscheiden sich aber die insulinierungsbedürftigen Zeiten: schnellere BEs (Traubenzucker, Mehl-Stärkeprodukte) 2 - 3 Std., mittelschnelle (haushaltszuckerhaltige Le-bensmittel und Getränke) ca. 3 - 4 Std., langsame BEs (bestimmte Gemüse, insbesondere Hülsenfrüchte wie Linsen) 5 - 7 Std., Fett und Eiweiß ca. 9 Std., sodass die entsprechenden Insulinmengen über diese Zeiten angeboten werden müssten.
Je kleiner die absoluten Fett-Eiweißmengen sind, desto eher werden sie von der Kohlenhydrat-Insulinierung zumindest der ersten Stunden miterfasst. Danach beseitigt auch die Basalrate noch kleinere Glucosemengen. Auch die Zielwertdefinition eines akzeptablen BZ-Endwertes von z.B. 70 bis 110 mg% lässt sie bis 110 mg% darin verschwinden.
Da Normalinsulin doppelt so lang resorbiert wie die schnelleren Insulinanaloga (Humalog®, Novorapid®, Apidra®), sieht man entsprechend die besseren Früh-pp-Werte bei den schnelleren Analoga und die besseren Spät-pp-Werte bei den Normal-insulinen. Wenn die absoluten Beträge nicht zu groß werden (z.B. < 5BE / 70kg Mensch), dann werden bis zu 200 kcal je BE bei Normalinsulin und bis zu 150 kcal bei schnellerem Analoginsulin die oben genannten Zielendwerte nicht verfehlen.
Deshalb insulinieren wir
bis 90g KH (= 7,5 BE) mit der Formel:
BE x Essensfaktor,
über 90g KH,
aber erst ab einer F/E-Kalorienmenge von absolut >750 kcal (Körpergewichtsbezogen) mit der Formel:
7,5 BE x Essensfaktor + Überhang-KH x (pure KH-Faktor + pure F/E-Faktor)
mit einer Toleranz von bis zu 200 vernachlässigbaren Kilokalorien.
So kann man aus dem individuellen Ess-Stil den reinen Insulinbedarf und dessen Zeitverteilung für die einzelnen Lebensmittelbestandteile isoliert berechnen. Man wird aber auch Zusammenfassungen als Standards mit bestimmten Toleranzgrenzen bilden können.
Verzögerter Bolus
Bis zu einem Verhältnis von 1:150 für schnelleres Analoginsulin und bis zu 1:200 für Normalinsulin bei kleineren BE-Zahlen <7,5 werden einmalige Insulinierungen ohne verzögerten Anteil möglich sein. Darüber hinaus können die ersten 200 reinen Fett-Eiweißkalorien noch als Toleranzgrenze aufgefasst werden. Ab dann wird man alle weiteren 200 kcal mit der Insulinmenge einer puren KH-BE aber über acht Stunden insulinieren. Wenn zum Beispiel aus einer Scheibe Käse zwei werden oder statt eines Würstchen drei gegessen werden. Bis zu diesem Verhältnis von 1:150 für schnelleres Analoginsulin und bis zu 1:200 für Normalinsulin wird sich zunächst nur der BE-Faktor (ohne verzögerten Anteil) erhöhen.
GI <0,4 werden einerseits vermindert insuliniert, andererseits mit einer Verzögerung von 5 Stunden versehen.
Zur Wiederholung
Aufgrund mehrtausendfacher Erfahrung verteilt sich der gesamte Insulinbedarf eines Typ 1-Diabetikers im nicht entgleisten Stoffwechselzustand bei "einigermaßen" gewichtserhaltender Kost je hälftig auf den basalen und auf den essensbedingten Insulinbedarf, unabhängig davon, ob der Typ 1-Diabetiker generell mehr kohlenhydrathaltige oder mehr fett-/eiweißhaltige Speisen bevorzugt.
Ein konstantes "Über-den-Bedarf-Essen" führt zu einer auf die Jahre gewaltigen Gewichtszunahme von jährlich 3 kg (= 21000kcal / Jahr = ca. 58kcal / Tag = 1 Ei). Das macht aber nur knapp 3% des eigentlichen Kalorienbedarfs von 2000 kcal aus und wirkt sich deshalb an der Verteilung Essens-/Basisbedarf nur geringfügig aus. Dagegen hat eine von Tag zu Tag sehr unterschiedliche Kalorienaufnahme sehr viel mehr Einfluss.
Tatsächlich verteilt sich in unserem geringfügig übergewichtigen Pumpenkollektiv der Insulineinsatz zu 51,1% auf das Essen und zu 48,9% auf die Basalrate.
Wenn dann die Hälfte des gesamten Insulintagesbedarfs für das Essen nur auf die Kohlenhydrate umgerechnet wird, ergibt diese Rechenoperation bei kohlenhydratreicheren Ess-Stilen kleinere E/BE-Faktoren als bei fett-/eiweißreicheren.
| BE-Summe (BE) |
34 | 26 | 17 | 13 | 8 |
| Kaloriengehalt (Kcal) | 2639 | 2639 | 2639 | 2639 | 2639 |
| Kalorien je gegessener BE (Kcal) |
77,6 | 101,5 | 155 | 203 | 330 |
| "IE/BE" |
0,59 | 0,77 | 1,18 | 1,54 | 2,5 |
Am Beispiel unseres Studenten mit einem durchschnittlichen Kalorienbedarf pro 24 h = 2639 kcal und einem gesamten Insulintagesbedarf von nur 40 Einheiten Insulin / 24h beträgt der hälftige Essensanteil = 20 Einheiten Insulin / 24h.
Je nach seinem Ess-Stil ergeben sich bei gleicher Kalorien- und Insulinmenge andere Faktoren "IE / BE"
Offensichtlich hängt der Insulinbedarf pro BE nicht nur davon ab, wie viele man davon isst, sondern auch, ob die Fett-/Eiweißanteile stark variieren.
Während man zum Teil heute noch den gesonderten Insulinbedarf für Fett- und Eiweiß ignoriert, ist dieser im Experiment längst nachgewiesen worden - spätestens in der Alltagsrealität, wenn Diabetiker abends noch ein übrig gebliebenes Steak (oder zwei) essen, und dann ihre deutlich überhöhten BZ-Nüchternwerte erklären wollen. Die Schwierigkeiten in der Vermittlung dieser Kenntnisse haben verschiedene Ursachen:
Einerseits konnte man es sich schier nicht vorstellen, dass auch Fett und Eiweiß zur Blutglucose-Erhöhung führen könnten oder eventuell sogar zeitlich befristete Resistenzen erzeugen würden - dabei hatte man nur den eher geringeren Effekt einer verzögerten KH-Resorption im Auge. In der Vor-ICT-Zeit wurden jedoch Diätpläne mit genauen Angaben zu den KH und zu Fett und Eiweiß gemacht - und wahrscheinlich dennoch nicht sonderlich befolgt.
Doch wie sollen dann diejenigen BZ-Erhöhungen durch Verzögerung mit der KH-Resorption erklärt werden, wenn gar keine KH sondern nur Fett und / oder Eiweiß gegessen wurden? Da die Fett-Eiweißeinflüsse auf den Blutzucker vergleichsweise geringer und länger anhaltend sind als durch gegessene KH, können diese bis zu einem bestimmten Betrag auch noch von einer funktionierenden Basalrate (die ja auch Insulin ist) wegtransportiert werden. Insbesondere wenn man bedenkt, dass man für deren Zielwerte ja auch eine bestimmte Toleranz zulässt. Sind Diabetiker nicht allzu genau eingestellt, gehen diese Effekte ohnehin eher unter.
Es fällt auch in der Durchsicht der diesbezüglichen Literatur auf, dass vergleichende Essensexperimente zwar mit einem Zusatz von Fettkalorien durchgeführt wurden, diese aber vom mageren Ess-Stil ausgingen und der Fettzusatz meist unter 30g pro Mahlzeit blieb. Wenn ich da an die Realität unserer Typ 1-Diabetiker denke, sind diese beiden Beschränkungen nicht realistisch.
Diese Experimente wurden wohl begrenzt, weil man keinen "gesundheitlichen Schaden" zufügen wollte. Dabei zeigen sogar jüngere Untersuchungen, dass bei gleicher Kalorienzahl und gleichem glykämischen Index der Gesamtinsulinbedarf bei fett-/eiweißreicherer Kost sogar etwas niedriger ausfällt und als Ess-Stil eher gesündere Auswirkungen auf das Gewicht, den Blutdruck und die Blutfette ausübt als eine kohlenhydrathaltigere Kost.
Bei dieser Sachlage ist man versucht, den eingeübten Begriff: IE/BE zu verlassen. Man müsste demnach für jeden Essensbestandteil den eigenen Insulinbedarf über die Zeit ermitteln und beide dann "irgendwie" addieren - ein reichlich um-ständliches Verfahren. Für dessen weitere, wenn auch eingeschränkte Verwendung, spricht allerdings mehr als nur Tradition:
1. Der KH-Einfluss auf den Blutzuckerverlauf ist schneller, stärker - aber kürzer als der Fett-/Eiweißeinfluss, wenn er sich auch innerhalb der KH-haltigen Lebensmitteln zum Teil beträchtlich unterscheidet (Glykämischer Index).
2. KH-haltige Lebensmittel sind oft besser einzuschätzen als fett-/eiweißhaltige (z.B. 1 Apfel, 1 Glas Milch, 1 Scheibe Brot gegenüber 1 Steak, Öl im Salat, Fettanteil im Fleisch)
3. Auch Typ 1-Diabetiker ändern ihren Ess-Stil kaum. Sie gehen lieber in die Bäckerei (KH-haltiger) oder in die Metzgerei (Fett-Eiweiß-haltiger) oder kaufen gerne in beiden ein. Wir beobachten auch gesplittete Ess-Stile: morgens süß, abends viel Wurst, Käse und andere fett-eiweißreichere Lebensmittel.
...
Fortsetzung im nächsten INSULINER! Also, gleich ein Abo des Insuliners hier ( klicken) bestellen!!
Dr. med. Bernhard Teupe
Internist, Diabetolge DDG
Diabetes-Dorf Althausen
Im Brunnental 10 - 18
97980 Bad Mergentheim





