Pumpentherapie beim diabetes m. Typ 1

unter Beachtung der Therapieansätze des Diabetesdorfs Althausen

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Körperl. Bewegung

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Therapieanpassung an körperliche Bewegung

bei Typ-I-Diabetiker(Innen)

von: Dr. med B. Teupe, Diabetes-Dorf Althausen, Im Brunnental 10, 97980 Bad Mergentheim
veröffentlicht in: Blutzucker-Protokolle für Insulinpumpenträger/innen v. Dr. Teupe

Für die Zeitschriften des Insuliner Verlages hat Herr Dr. Teupe einige seiner Texte in den Jahren 2008/2009 überarbeitet. Diese Scripte dürfen wir mich ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers und des INSULINERs  veröffentlichen.

Die Neufassung des nachfolgenden Themas finden Sie hier (bitte klicken).


Wer Typ-I-Diabetiker(inne)n zuhört, erfährt von Ihnen, wie unterschiedlich sich Sport auf den Zucker auswirken kann, dies gilt sowohl für ähnliche oder verschiedene Belastungen, zu gleichen oder verschiedenen Zeiten, bei ein und demselben Diabetiker, aber auch im Vergleich von Diabetiker(inne)n untereinander - und es braucht Jahre, bis man in diesem Durcheinander’ doch Ordnungen erkennt:

  • Nach dem Abendbrot unterzuckere ich am schlimmsten, da gehe ich schon gar nicht mehr raus mit dem Hund!
  • Ich frühstücke erst nach dem Melken, weil ich so mit meinem Zucker am wenigsten durcheinander komme.
  • Bei mir wirkt sich Sport kaum aus.
  • Schon bei geringster Bewegung sind meine Hypos gewaltig.
  • Ich muß körperliche Arbeit In meinem Therapieplan genau berücksichtigen.
  • Wenn mein Zucker schon viele Stunden niedrig war, dann brauche ich zum Einkaufen viele BEs, um einem Hypo vorzubeugen. War er längere Zeit nicht gut, brauche ich nichts zu machen.
  • Bei Sport reagiert mein Blutzucker unberechenbar.
  • Beim abendlichen Korbballspielen steigt mein Zucker meistens an.
  • Es Ist verrückt: Beim Gartenumgraben passiert mir wenig, beim Rosenschneiden kriege ich Hypos!
  • Unter der Woche läuft mein Zucker gut, am Wochenende liege ich höher, das geht noch bis in den Montag hinein.
  • Am Ende meiner Bodenseeumrundung mit dem Fahrrad brauchte Ich ca. 60 Einheiten Insulin je Tag, kurze Zeit später wieder meine üblichen 100 - 100
  • Während meines Skiurlaubs war Ich nachts 2-mal bewußtlos.

Meistens gilt: Wenn sich ein(e) Typ-I-Diabetiker(in) mehr bewegt als sonst, sich anstrengt, körperlich arbeitet - oder kurz gesagt Sport treibt - sinkt der Blutzucker - manchmal aber nicht. Wie stark der Blutzucker fällt, ist aber sehr verschieden. Für eine Therapieanpassung will man jedoch im voraus wissen, wann der Blutzucker wie stark sinkt, gleichbleibt oder gar ansteigt.

Auf den Stoffwechsel eines Typ-I-Diabetikers kann sich vermehrte körperliche Aktivität in gegensätzlicher Weise auswirken:

Der Blutzucker schwankt stärker, (schwere) Unterzuckerungen oder Ketoazidosen können sich deshalb häufiger entwickeln. Der Insulinentzug führt andererseits bei regelmäßiger Bewegung über eine up-Regulation der Insulinrezeptoren zu einem geringeren Insulinbedarf, sprich zu einer höheren Insulinempfindlichkeit, ein wünschenswertes Ziel insbesondere für Insulin-resistente Typ-Ic-Diabetiker.

Die Aufforderung "Sport ist auch für Typ-I-Diabetiker(innen) ein tragendes Therapieprinzip" darf wegen dieser Doppelgesichtigkeit in dieser Allgemeingültigkeit bezweifelt werden.

Für den sporttreibenden Menschen, der Typ-I-Diabetes hat, gibt es aber noch mehr, als "nur seinen Blutzucker": In dem Maße, in dem der Kreislauf trainiert wird, Beweglichkeit und Geschicklichkeit zunehmen, neue soziale Kontakte geknüpft werden und sich nicht allzu viele schwer verletzen, kann körperliche Leistung das Körper- und Selbstwertgefühl gerade des Typ-I-Diabetikers ("Mein Körper ist defekt.") verbessern ("Ich bin genauso fit wie Nicht-Diabetiker!"). Wenn dann der Stoffwechsel nicht allzu sehr durcheinander kommt und die Resistenten insulinempfindlicher werden, kann Sport in der Summe die Lebensqualität günstig beeinflussen.

Soll sich "Sport" also positiv auswirken, müßte möglichst im Vorhinein die übrige Diabetes-Therapie so verändert werden (=Therapieanpassung Sport), daß vor, während und nach seiner Ausübung die BZ-Stoffwechsellage stabil normal bleibt. Therapie-Korrekturen während und nach körperlicher Aktivität und kurz- und längerfristige Therapie-Änderungen im Anschluß an Sport gehören auch zu dieser Aufgabe.

Vom Einfluß des Insulinspiegels

Der Schlüssel zum Verständnis, das erklärende Prinzip, der unter 1 - 4 zusammengefaßten Erfahrungen von Typ-I-Diabetiker(inne)n sind die unterschiedlichen Höhen der jeweils vorliegenden Insulinblutkonzentrationen:

Bald nach einem Essensbolus (1) ist der Insulinspiegel im Blut für einige Stunden deutlich höher als davor oder wesentlich danach (2), die insulinempfindlichen Langzeit- und Typ-lb-Diabetiker(innen) haben prinzipiell niedrigere Insulinblutspiegel (3) als die resistenten Typ-Ic-Diabetiker(innen), die besonders viel Insulin brauchen (4). Je mehr Insulin aktuell im Blut zur Verfügung steht, desto stärker sinkt der Blutzucker bei körperlicher Aktivität. Dabei ist es unerheblich, daß diese Insulinmenge für einen ausgeglichenen Stoffwechsel ohne Sport aber nötig ist. Am reinsten kann man diesen Zusammenhang unter Normoglykämie bei Pumpen-Patienten studieren. Nach ungekürztem Essensbolus ist der Insulinblutspiegel höher als bei vermindertem, ohne Bolus (und ohne Essen) am niedrigsten , und entspricht dann nur noch dem Insulinspiegel, der von der Basairate alleine produziert wird. Genau in dieser Reihenfolge schwächt sich auch der Blutzucker-senkende Effekt körperlicher Aktivität ab, wenn man sonst gleiche Bedingungen einhält.

Anzahl Diabetiker BZ Ausgangswert (mg%) BZ Endwert (mg%) Zusatz-BE BZ-Abfall (mg/min)
8.15 h bis 9.45
1 h nach vollem Bolus mit Frühstück 22 87 134 5,9 -2,3
1 h nach halbem Bolus mit Frühstück 23 79 111 0,9 -1,4
ohne Bolus, ohne Frühstück 26 74 114 2,2 -0,6
19 h bis 20.30 h
1 h nach vollem Bolus mit Abendbrot 28 126 103 6,9 -2,9
1 h nach halbem Bolus mit Abendbrot 20 120 99 0,6 -2,1
ohne Bolus, ohne Abendbrot 17 91,5 93 1,2 -0,8
Mittelwert 23 96 109 3,0 -1,7
Standard-Abweichung 4,0 21,7 14,5 2,7 0,9

Hierzu habe ich bei Stoffwechsel-normalisierten Pumpenpatienten, deren Blutzucker seit mindestens 12 Stunden unter 140 mg-% verlief, unterschiedliche Therapieanpassungsübungen durchgeführt, die in der obenstehenden Tabelle zusammengefaßt sind: Ab 8.15 Uhr bzw. ab 19 Uhr gingen Typ-I-Diabetiker(innen) für 1,5 Stunden auf dergleichen Strecke gemütlich spazieren. Es wurde unterschieden, ob sie mit ungekürztem oder halbierten Essensbolus oder ohne Bolus und ohne Essen (nur auf der Basalrate) liefen. Unter Berücksichtigung vorher ermittelter Durchschnittswerte, wie stark 1 Einheit Insulin den BZ bei dem einzelnen Diabetiker absenkt bzw. wie stark er von einer BE Cola angehoben wird, wurden dann die durchschnittlichen BZ-senkenden Effekte errechnet. In den Untergruppen wurden zwischen 17 und 28 Anpassungsübungen durchgeführt, insgesamt 136 Fälle.

Die therapierelevanten Folgerungen sind beachtlich: 1 Stunde nach einem für die Ruhe erprobten Essensbolus sinkt der Blutzucker bei körperlicher Aktivität ca. 4-mal stärker als er zur gleichen Zeit abfällt, wenn der Blutinsulinspiegel nur von der Basalrate erzeugt wurde. Ohne vorherige Insulinkürzung benötigt man zur Unterzuckerungsvorbeugung während 90minütigem gemütlichen Spazierengehens ca. 6 (7) BE. Auch mittags gelten die gleichen Zusammenhänge (Beispiele nicht abgebildet). Gut möglich, aber mit dem vorliegenden Zahlenmaterial nicht sicher beweisbar, daß diese Effekte tageszeitabhängig (etwas) verschieden stark ausfallen.

Damit erweist sich eine häufige, nicht-anstrengende Alltagstätigkeit bei zuvor ausgeglichenem Stoffwechsel in der Nähe eines Essensbolus als "Hypofalle" Hochinsullnlerte Typ-I-Diabetiker(innen) bekommen hierbei kräftigere Unterzuckerungen, als die Insulinempfindlichen. Je öfter der Bolus zurückliegt, desto geringer sind seine Auswirkungen.

Achtung: Weil bei Insulin-Spritzentherapieformen oft schlechtere Stoffwechselausgangssituationen vorliegen, sich die Resorption des Verzögerungsinsulins von der des Normalinsulins unterscheidet und oft andere Insulinblutspiegelverhältnisse vorliegen, sind diese bei Pumpenpatienten ermittelten Zusammenhänge nur annäherungsweise auf Diabetiker(innen) unter Insulinspritzen-Therapieformen übertragbar.)

Vom Einfluß der Therapiequalität

Je besser der lnsulinmangel des Typ-I-Diabetikers (und damit der Gesamtstoffwechsel) mit Insulin ausgeglichen wird, desto stärker wirken sich körperliche Aktivitäten BZ-senkend aus. Es ist eine häufig wiedergegebene Patientenerfahrung, daß bei guten BZ-Werten selbst geringfügigen Belastungen ohne vorherige Therapieanpassung schnell zu Unterzuckerungen führen, während sich der BZ bei weniger guter Stoffwechselkontrolle diesbezüglich eher gutmütigern oder aber launiger verhält (5, 6, 7). Für den Extremfall einer Ketoazidose schlägt sich diese Erfahrung auch in der ärztlichen Empfehlung nieder, sich körperlich zu schonen, um keiner weiteren Entgleisung Vorschub zu leisten. Mir sind aber zu diesem Thema keine systematischen Untersuchungen bekannt, auch kann ich selbst über meine langjährigen klinischen Erfahrungen berichten. Danach sinkt der BZ bei Sport um so weniger bzw. steigt eventuell sogar an, je lipolytischer die Gesamtstoffwechselsituation infolge vorangegangenen Insulinmangels war. Dabei kann der Blutzucker sogar anfänglich unter körperlicher Aktivität auch noch sinken. Da sich jedoch eine Lipolyse offenbar nicht mit Sport stoppen läßt, steigt er "ohne ersichtlichen Grund" danach wieder (stark) an.

Die Form der Insulintherapie bei Typ-I-Diabetiker(innen) nimmt auf verschiedene Art auf den BZ unter Sport Einfluß:

  • direkt, durch das Stoffwechselergebnis dieser Therapieart selbst;
  • durch die Berechenbarkeit der angewandten Therapieform;
  • durch die kurz-, mittel- und langfristige Beeinflußbarkeit des lnsulinspiegels bei Therapieänderungen.

Geht man davon aus, daß bei richtiger Durchführung eine kontinuierliche subkutane Insulin Infusion (= lnsulinpumpentherapie CSII) durchschnittlich bessere Stoffwechselergebnisse erreicht als eine lntensivierte Insulin-Therapie (ICT) und diese wiederum günstigere als eine konventionelle Insulin-Therapie (CIT) und in der gleichen Reihenfolge auch die Berechenbarkeit der Therapie und die Beeinflußbarkeit des lnsulinspiegels abnehmen, dann kann man daraus folgern, daß sich zwar unter CSII körperliche Aktivität am stärksten auswirkt, aber andererseits Therapieanpassungen wegen besserer Berechenbarkeit und genauerer Insulinspiegelsteuerung auch zuvedäßlicher gelingen. Beide Aspekte sind für mich sichere klinische Erfahrungen.

Therapieanpassung Sport
bei 271 Typ-I-DiabetikerInnen
Pat. Zahl Soll VI morg. Soll NI morg. Ist VI morg. Ist NI morg. BE BZ vor BZ nach Diff. VI Diff. NI Diff. BZ
1 h Wanderung ab 8.15 h 69 22,4 5,6 22,4 4,2 0,2 162 118 0 -1,4 -44
1 h Radtour ab 8.15 h 43 21,8 6,1 20 4,4 0,1 156 102 -0,2 -1,7 -54
3 h Wanderung ab 8.15 h 49 22,6 5,9 21,7 2,9 0,8 157 97 -0,9 -3 -60
3 h Radtour ab 8.15 h 25 21,8 6,8 20,8 3 1,5 152 76 -1 -3,8 -76
3 h Wanderung ab 14.00 h 67 22,6 6,2 18,5 7 1,5 115 111 -4,1 +0,8 -4
3 h Radtour ab 12.45 h 18 23,6 5,7 19,7 5,9 1,6 156 98 -3,9 +0,2 -58

Vom Einfluß der Arbeitsintensität

Vergleicht man Blutzuckerverläufe unterschiedlicher Belastungsarten und unterschiedlicher Aktivitäts-Dauer werden zumindest bei den eher geringen Belastungsintensitäten die "naiven" Erwartungen erfüllt:

Ist die Anstrengung größer, sinkt der BZ stärker und man muß deshalb das zugehörige Insulin stärker kürzen bzw. mehr BE vorab zur Vorbeugung einer Unterzuckerung aufnehmen. Auch gilt dann: Je länger man körperlich aktiv ist, desto stärker sinkt der BZ. Diese Zusammenhänge gehen auch eindeutig aus meinen Auswertungen von 271 planvoll angesetzten Therapieanpassungsübungen von Typ-I-Diabetiker(inne)n mit Insulin-Spritzentherapien hervor (Tabelle über diesem Text). Verglichen wurde Wandern mit Radfahren, wobei das Radeln mehr als doppelt soviel Kalorien verbrauchte als das Wandern, aber den Zucker weit weniger als doppelt so stark absenkte. Unterschieden wurden 1 und 3 Stunden, nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen. Die Probanden behandelten ihren Diabetes jeweils morgens und abends mit fixen Verzögerungsinsulinmengen (VI) und variablen Normalinsulindosen (NI).

Man muß sich aber darauf einstellen, daß beim Überschreiten bestimmter trainingsabhängiger Belastungs-Intensitäten diese Zusammenhänge nicht mehr gelten müssen. Es gibt Typ-I-Diabetiker, deren Blutzucker bei intensiver sportlicher Aktivität trotz vorab ausgeglichenen Stoffwechsels fast immer ansteigt, einige, die sich deshalb zuvor Insulin zusätzlich spritzen müssen. Wenn man bedenkt, daß es beim Hochleistungssport Gesunder zu gewaltigen BZ-Entgleisungen kommen kann, ist man von den "paradoxen BZ-Reaktionen" selbst bei nur kurzzeitiger "erschöpfender Muskeltätigkeit" von Typ-I-Diabetiker(inne)n nicht mehr ganz so überrascht (8, 9).

Vom Einfluß der Insulinwirkung, insbesondere der Insulinempfindlichkeit

Man möchte gerne glauben, daß die Wirkung einer exakt aufgezogenen Insulin-Menge genau vorhersehbar wäre. Schwankungen der Insulinaufnahme aus der Haut, Wiederauffüll-Effekte entleerter Stärke-Speicher in Leber und Muskulatur und lnsulinempfindlichkeitsänderungen aus unterschiedlichen Gründen machen dies zunichte. Einige dieser Vorgänge haben direkt mit geänderter körperlicher Aktivität zu tun.

So wird die Normalinsulinaufnahme aus dem Unterhautfettgewebe des Oberschenkels durch Beinarbeit erheblich beschleunigt, während das Unterhautfettgewebe der Bauchhaut diesbezüglich kaum Schwankungen aufweist.

Die Unterzuckerungsneigung etlicher Typ-I-Diabetiker schon nach Belastungen weniger Stunden erklärt sich vermutlich daraus, daß sich verbrauchte Stärkespeicher in Leber und Muskulatur in der Ruhephase wiederauffüllen (12).

Die körperliche Aktivität kann aber auch kurz- und mittelfristig die Basis der lnsulinwirkung verschieben, in dem sie die Insulinempfindlichkeit ändert. Damit sind sowohl die selteneren hormonellen Einflüsse gemeint (Adrenalin beim Mannschaftssport, Wachstumshormon bei Höchstleistungen), als auch die häufigeren Veränderungen des Insulin-RezeptorBesatzes der Körperzellen. Die Insulinkonzentration im Blut steuert nämlich die Zahl der Rezeptoren der Zellen: Je höher der lnsulinspiegel, desto niedriger die Rezeptorzahl (downregulation) und umgekehrt: je niedriger der Insulinspiegel, desto dichter der Rezeptorbesatz der Zellen (up-regulation), desto stärker ist die Wirkung einer bestimmten lnsulindosis. Wer über mehr als einen Tag seine Insulinportionen zur Anpassung an körperliche Aktivität wiederholt vermindert, wird dadurch insulinempfindlicher, daß die Zahl seiner zellständigen Insulinrezeptoren zunimmt. Weil man danach weniger Insulin als früher benötigt, neigt man bei beibehaltener Insulindosis zu Unterzuckerungen. Kürzt man deshalb sein Insulin weiter, beschleunigt sich die up-regulation. Diese geht solange weiter, bis die erreichten Insulinspiegel eine Lipolyse auslösen - und zur Überwindung dieser stoffwechselbedingten Resistenz das Insulin wieder höher dosiert werden muß. Geht man an diesem Scheidepunkt ungeschickt vor, beginnt ab dann die "down-regulation" Meist wird letztere aber dadurch wieder eingeläutet, daß nach Wegfall der vermehrten körperlichen Aktivität wieder höhere, an die weniger aktive Lebensweise angepaßte Insulindosen verwendet werden müssen, die dann ihrerseits, meist nach wenigen Tagen, wieder zur vorherigen niedrigeren lnsulinempfindlichkeit zurückführen. Man kann diesen Zusammenhang aber auch gezielt zum Abbau überhöhter Insulinspiegel resistenter Typ-Ic-Diabetiker einsetzen. (Wissenschaftliche Untersuchungen konnten auch nachweisen, daß durch vermehrte körperliche Aktivität zumindest der Ausbruch eines Typ-II-Diabetes zeitlich in höhere Lebensalter verschoben werden kann.)

Up- und down-regulations-Phasen haben ihre situationsabhängige Rhythmik: Wer wochentags körperlich aktiver ist, setzt zur Unterzuckerungsvorbeugung weniger Insulin ein und reguliert deshalb up. Am ruhigeren Wochenende reguliert man dann dank von vorneherein höher angesetzter Insulindosen oder über lnsulinzuschläge wegen erforderlicher Korrekturen wieder down. Es entsteht ein charakteristisches Uförmiges BZ-Wochen-Profil (10). Typischerweise sinkt der Insulinbedarf auch im Urlaub. Diese Effekte überdauern den Urlaub aber meist nur um wenige Tage (1 1). In der Saison benötigen Arbeiter weniger Insulin als außerhalb (Landwirte, Maurer, Waldarbeiter).

Vom Einfluß aller Faktoren zusammen

Alle vorab beschriebenen Einflüsse sind nicht im Sinne einer mathematischen Gleichung berechenbar, wohl aber für eine Trendangabe und zur ungefähren Dosisschätzung sehr brauchbar. Es ist doch schon hilfreich, wenn bei 4 von 5 Therapieanpassungen während und nach körperlicher Aktivität der Blutzucker niedrig stabil blieb. Und im Mißerfolgsfall braucht man sich dann nicht schuldig fühlen: Gerade das Zusammenspiel mehrerer Faktoren kann zu überraschenden, also nicht sicher vorhersehbaren Ergebnissen führen. Eine noch geringfügige, noch nicht erkannte Lipolyse bei nachmittäglich früher als sonst auslaufendem Insulinspiegel treibt den Blutzucker auch schon mal bei nur geringfügig anstrengenderen Arbeit in die Höhe!

Trial and Error (Versuch und Irrtum)

Es ist schon eine Herkulesaufgabe, das Thema Therapieanpassung Sport für alle Diabetiker, für alle Sportarten, gültig zu allen Tageszeiten, für alle Therapieformen und für alle Entgleisungsgrade abzuhandeln. Beim einzelnen Diabetiker stellt sich die Situation wesentlich einfacher dar, hat er doch nur einen bestimmten Diabetestyp, praktiziert eine festgelegte Therapieform, bevorzugt bestimmte körperliche Aktivitäten, oft auch zu ähnlichen Tageszeiten, die sich häufig auch im weiteren Lebensverlauf wiederholen.

Es lohnt sich, systematische Sportanpassungsversuche zu machen, bei denen die bisherigen "Regeln" nur als vernünftige richtungsweisende Eingangsschätzungen dienen können. Durch wiederholten "Versuch und Irrtum" (trial and error) kürzt bzw. erhöht man dabei solange Insulin, ißt dazu oder läßt Essen weg, bis für eine bestimmte körperliche Aktivität zu einer bestimmten Zeit gilt, daß der BZ während und nach der körperlichen Aktivität meistens stimmt. Diese Übungen müssen planvoll angelegt und protokolliert werden. Am besten legt man sich dazu ein kleines Oktavheft (DIN A6) an, je Versuch eine Seite. In ihm vermerkt man den BZ-Verlauf der letzten 12 Stunden vor Sport, den Ausgangs-BZ, Messungen, falls möglich im Stunden-Takt und die BZ-Werte der nachfolgenden 12 Stunden. Das Protokoll enthält außerdem Angaben zu Zeitpunkt und Schwere’ von Unterzuckerungen und Gegenmaßnahmen. Dann notiere man die praktizierte Therapieanpassung: wieviel Einheiten Insulin, welcher Sorte, wann weggelassen, zugegeben oder nachgespritzt wurden und in gleicher Weise: wie das Essen verändert wurde.

Gleichgültig, wie gut oder schlecht die Therapieanpassung geklappt hat: Es wurde ein Ausgangspunkt gesetzt. Wenn sich wieder eine ähnliche Situation einstellt, dann schaut man in seinem Oktavheft nach, was beim letzten Mal gemacht wurde und zu welchem BZ-Ergebnis dies führte.

Für den eher unwahrscheinlichen Fall, daß alles gleich klappte, wiederholt man die gleiche Therapieanpassung. Für den Fall von Unterzuckerungen wird man gezielt Insulin vermindern oder rechtzeitig BE’s aufnehmen. Für den Fall von Überzuckerungen wird das Insulin weniger gekürzt als beim vorigen Mal bzw. weniger dazu gegessen. Auch dieses Beispiel wird dann in gleicher Weise dokumentiert wie das erste. Wenn man dann wieder einmal zur ähnlichen Zeit ähnliches vorhat, kann man jetzt schon auf 2 Protokolle zurückgreifen und seine Schlußfolgerungen für den 3. Therapieanpassungsversuch ziehen. Auf diese Art optimieren sich die Anpassungsregeln.

Jetzt steht man nur noch vor der Frage, wie man denn beim ersten Mal verfahren soll. Und genau da helfen die zuvor dargestellten Zusammenhänge weiter.

Zunächst entscheidet man sich, ob man die Sportanpassung ausschließlich mit den Mitteln Essen oder Insulin oder durch deren Kombination durchfuhren will. Das Ausmaß dieser Veränderungen ergibt sich zumindest in der Richtung und näherungsweise auch im Betrag aus der Beantwortung folgender Fragen:

  • Wie hoch ist der aktuelle Blutzucker?
  • Sind noch Kohlenhydratanstiege ins Blut zu erwarten? (Wann war die letzte BE-haltige Mahlzeit?)
  • Ist es wahrscheinlich, daß eine Entwicklung zunehmender lnsulinunempfindlichkeit vorliegt?
  • Wie anstrengend wird die körperliche Belastung sein?
  • Wie lange wird sie voraussichtlich dauern?
  • Wie lange liegt der letzte Bolus zurück?
  • Liegt der Katheter im Unterhautfettgewebe des Oberschenkels?
  • Wird der Gesamt-Insulinspiegel während des Sports im Blut eher niedrig, mittel oder hoch sein?

Weitere Informationen über Diabetes mellitus und Sport findet Ihr auf unseren Seiten der IDAA

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