Der Bolus
Mit "Bolus" bezeichnet man die eine der beiden Formen der Insulinabgabe einer Insulinpumpe, mit "Basalrate" die andere. Er wird nicht - wie die Basalrate - vollautomatisch nach eingestelltem Programm abgegeben, sondern muß im Anschluß an eine Blutzucker(BZ)-Messung jedesmal neu nach zu erarbeitenden Regeln hergeleitet und dann per Knopfdruck an der Pumpe zusätzlich abgerufen werden. Häufig wird deshalb auch der Begriff "Zusatzrate" verwendet.
Bolusgaben braucht man (zum Katheterfüllen,) für BZ-Korrekturen und zur Essens-Insulinierung.
Spätestens bei dem Versuch die Mehrzahl des Wortes Bolus zu formulieren, geraten auch Pumpen-erfahrene Diabetologen in Verlegenheit. Dazu müßte man seine sprachliche Herkunft kennen. Weder im Lateinischen, noch im Griechischen gibt es ein völlig übereinstimmendes Wort. Bolus ist "eingedeutscht", insofern gibt es auch keine sprachlich korrekte Mehrzahlform. Altgriechische Schriften überliefern zwei mögliche Wurzeln, die beide Sinnvolles über die Zusatzrate bei der Insulinpumpentherapie aussagen:
bolis = Wurfgeschoß
"Bolus" im Bilde des Wurfgeschosses
beschreibt die gezielte und schnelle Abgabe einer Insulinmenge, z.B. für eine BZ-Korrektur oder für eine geplante Mahlzeit. Hier darf man nur nicht dem Trugschluß unterliegen, daß die schnelle Abgabe der Zusatzrate unter die Haut einer ebenso schnellen Boluswirkung im Blut gleichkomme, ein weit verbreiteter Irrtum: meistens ist es sinnvoll, zwischen Bolus-Drücken und Essensbeginn je nach Tageszeit und Insulinempfindlichkeit etwas zu warten.Beim Mittagesen genügen meist 15 Minuten, zum Frühstück müssen oft 45 Minuten vergehen (=Drück-Eß-Abstand = DEA). Dies wird nicht nur wegen der langsamen Aufnahme des Bolus vom Unterhautfettgewebe ins Blut erforderlich, sondern auch dadurch, daß der Gesunde schon beim Anblick zu essender Speisen mit einer Insulinausschüttung ins Blut beginnt (Kopfphase der Insulinausschüttung des Gesunden).
bolizo = (aus)loten
"Bolus" in der Bedeutung des Auslotens
betont die sorgfältige Herleitung der Bolus-Größe: nach vielfältigen Experimenten kann man seine Größe bald auf ca. eine halbe Einheit einschätzen (ausloten).Fazit: Bolus ist also ein zur Basalrate zusätzlich auf einen Stoß unter die Haut abgegebenes Normal-Insulin, dessen Menge entsprechend seines Zwecks (zur BZ-Korrektur oder zur Essensaufnahme) experimentell herausgearbeitet worden ist.
Oft ist seine Menge wesentlich größer als die zur Abgabezeit gerade wirksame Basalrate und überspielt diese. Der "grobe Klotz" Bolus macht damit tagsüber die Auswirkungen einer feinst ausgearbeiteten Basalrate teilweise wieder rückgängig.
Bolus-Probleme
Ein größerer Bolus wirkt länger als ein kleinerer.
Zum Beispiel wirken 7 Einheiten Normalinsulin (IE) ca. 7 Stunden, nach ca. 5 Stunden sind aber mehr als 90 % der Wirkung abgeklungen. 14 IE wirken hingegen in der 5. Stunde noch so stark wie 7 IE bei ihrer höchsten Wirkung! So wird die lange Nachwirkung eines größeren Bolus häufig unterschätzt.
Die Wirkdauer und die anfängliche Wirkstärke eines Normalinsulin-Bolus können beachtlich manipuliert werden.
Wärme (Sonnenbaden, Badewanne, Sauna), körperliche Aktivität (falls z.B. Normalinsulin in das Unterhautfettgewebe des Oberschenkels injiziert wurde) und Massage beschleunigen die Insulinaufnahme aus der Haut gewaltig. Die Insulinwirkung setzt dann schneller und stärker ein, erschöpft sich dafür aber früher. Eine Hautabkühlung wirkt sich umgekehrt aus. Ob sich Zigarettenrauchen wegen der dabei zu beobachtenden Drosselung der Hautdurchblutung BZ-steigernd auswirkt, ist möglich, allerdings verzögert Rauchen auch die Magenentleerung. Bestimmte Medikamente (ß-Blocker) könnten die Insulinaufnahme aus der Haut verlangsamen. So ist es sinnvoll, ausschließlich das große Gebiet der Bauchhaut für den Katheter zu verwenden, bei größerer Wärmeeinwirkung auf die Kathetereinstichstelle den Insulinbolus vorab um ca. 50 % zu kürzen (muß anschließend nachgegeben werden) bzw. mit zusätzlichen BE einem Unterzucker zuvorzukommen.
Ab ca. 7 IE dauert die Insulinaufnahme aus der Haut meist länger als die Kohlehydrataufnahme aus dem Darm. Der Bolus kann Phasen höherer Insulinempfindlichkeit überspannen.
Oft wirkt sich dies erst bei noch höheren Bolusmengen als spät auftretende Unterzuckerung aus. Zu deren Vermeidung kann man tageszeitbezogene Bolusmengen-Begrenzungen herausarbeiten. Bei deren Festlegung spielen dann auch die Patienten-typische Insulinempfindlichkeit und dessen Reaktionen bei Unterzuckerungen eine Rolle. So liegt bei hochinsulinempfindlichen Ib-Diabetikern spätabends die Grenze relativ niedrig bei z.B. 3 IE, während Insulinunempfindliche Ic-Diabetiker morgens auch noch 20 IE vertragen.
Frühst ist zur Vermeidung hoher postprandial(pp)-Werte relativ viel Insulin pro BE erforderlich, weil die Insulinempfindlichkeit relativ gering ist. Wenn sich dann im Vormittagsverlauf die Insulinempfindlichkeit steigert, kann der jetzt relativ überhöhte Insulinspiegel Unterzuckerungen auslösen. Dies trifft auch auf spätverlegte Abendessen zu, nach denen sich die Hypoglykämien dann erst während des Schlafens einstellen. Mit längerem DEA vermeidet man pp-Spitzen, mit Bolusbegrenzungen beugt man späteren Unterzuckerungen vor.
Bolus-Abschätzung
Bei jeder Insulingabe (Basalrate, Essensbolus, Korrekturinsulin) spielt die jeweils aktuelle Insulinempfindlichkeit neben Mengenüberlegungen (Körpergewicht, BZ-Höhe, BE) eine wichtige Rolle. Für den Fall, daß keine tiefergehende Stoffwechselentgleisung (Entwicklung zunehmender Insulinunempfindlichkeit) vorliegt, zeigt die einmal ermittelte Basalrate den tagesrhythmischen Verlauf der Insulinempfindlichkeit an. Wenn die Basalrate in einem Zeitbereich ansteigt, benötigt man in dieser Spanne auch für eine BE und für die Senkung überhöhter BZ-Werte ansteigende Insulindosen- und umgekehrt: bei niedrigerer Basalrate werden je BE und zur BZ-Absenkung weniger Insulin erforderlich.
Insulinmengen für die Basalrate, für den Essensbolus und zur Korrektur überhöhter BZ_Werte laufen gleichsinnig zur jeweiligen Insulinempfindlichkeit. Diese wird durch den Basalratenverlauf beschrieben. Alle 3 Größen müssen also parallel, Hand in Hand, entwickelt werden, indem man sie zueinander in ein jeweils zeitbezogenes gleiches Verhältnis setzt.
Niedrige Bolusgrößen bei hoher Basalrate stellen somit einen Systemfehler dar, es sei denn, der niedrige Bolus sei bereits eine (versteckte) Therapieanpassung an vermehrte körperliche Aktivität. Durch mehrmalige Essensauslaßversuche, die sich nur über einige Stunden erstrecken dürfen, lassen sich Basalrate und bolus gegeneinander abgleichen. Wenn das Zusammenspiel von Basalrate, Bolus und einer bestimmten BE-Menge zu guten BZ-Werten führt, ist die gesamte, in dieser Zeit wirksame Insulinmenge richtig bemessen. Hat man diese Euglykämie (= guter Zuckerwert) erreicht, beginnt man mit Essensauslassversuchen. Steigt bei ausgelassenem Bolus der BZ an, dann ist die Basalrate zu niedrig, der Bolus um den gleichen Betrag zu hoch. Bei mehrmaliger Bestätigung wird die Basalrate angehoben, der Bolus gesenkt und in erneuten Essensauslaßversuchen die Richtigkeit dieser Maßnahmen überprüft.
Umgekehrt: sinkt bei einem Essensauslaßversuch der BZ ab, dann ist die Basalrate zu hoch, der Bolus aber um denselben Betrag zu niedrig. Erst wenn die Basalrate unabhängig vom Bolus zuverlässig funktioniert (was nicht immer gelingt!), ist eine genauere Größenermittlung der Korrekturinsulinmengen bei erhaltener Insulinempfindlichkeit möglich (siehe Korrekturregeln). Zu Beginn einer Insulinpumpenbehandlung orientiert man sich am besten an der Gesamtinsulinmenge, der Parallelität von Basalrate, Bolus und Korrekturinsulin, und an Erfahrungswerten bei vergleichbaren Diabetikern.
Essensbolus
Die Abschätzung des Essensbolus setzt die Kenntnis des Kohlenhydratgehalts einer Mahlzeit (BE) voraus. Zumindest bei einigen ausgewählten Speisen muß man aber auch die unterschiedliche Schnelligkeit und Vollständigkeit des Erscheinens der Kohlenhydrate im Blut berücksichtigen (Glykämischer Index).
(Extrtem-)Beispiele: Ein hochinsulinempfindlicher Typ-Ib-Diabetiker insuliniert die Mittags-BE vielleicht nur mit 0,33 IE. Eine insulinunempfindliche Ic-Diabetikerin kann im letzten Schwangerschaftsdritttel bis zu 10 IE für eine Frühstücks-BE benötigen.
Übliche Bolusgrößen (IE pro BE):
frühst: | 1,0 - 4,0 |
mittags: | 0.5 - 2,0 |
abends: | 0,5 - 3,0 |
Für die meisten Mahlzeiten kann man zu einer bestimmten Tageszeit den gleichen Essens-Insulinfaktor verwenden. Einige wenige, aber übliche Mahlzeiten benötigen jedoch erheblich weniger. In Essensexperimenten hat Dr. Teupe bei Pumpenträgern ermittelt, daß Frischkornmüsli (als Frühstück) und Linsengericht (als Mittagessen) nur ca. (1/3 -) 1/2 des zeitüblichen Insulins erforderlich machen.
Meist sind die Auswirkungen dieses zugrunde liegenden sogenannten Glykämischen Indexes gering, müssen aber bei bestimmten Speisen gerade bei der Feinststeuerung des BZ mittels Insulinpumpe berücksichtigt werden. Bei einem Unterzucker setzt man bewußt auf schnelle BE.
Korrekturbolus
Falls keine tiefergehende Stoffwechselentgleisung vorliegt, d.h. die sonst zu dieser Tageszeit übliche Insulinempfindlichkeit erhalten blieb, werden BZ-Überhöhungen nach dem sogenannten Schema C korrigiert.
Je nach Diabetestyp und Tageszeit senkt eine IE den BZ bei erhaltener Insulinempfindlichkeit unterschiedlich stark. Dabei wird aber vorausgesetzt, daß keine Kohlenhydrate mehr aus dem Darm ins Blut aufgenommen werden.
(Extrem-)Beispiele |
Bei einem insulinempfindlichen Typ Ib-Diabetiker kann 1 IE den BZ um 24 Uhr um (weit) mehr als 100 mg absenken. |
Bei einem Insulinunempfindlichen Ic-Diabetiker schafft 1 IE den BZ vielleicht gerade um 15 mg% abzusenken. |
Üblicher BZ-Abfall (durch 1 IE):
frühst: | 20 - 60 mg% |
mittags: | 40 - 80 mg% |
abends: | 30 - 70 mg% |
nachts | 50 - 90 mg% |
Gerade für insulinempfindliche Diabetiker erweist sich eine Staffelung der Bolusgaben in Schritten von 0,5 IE (und weniger) als sinnvoll.
aus: "Pumpen-Post", Nr. 1/1994 von Dr. B.Teupe





